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DAS Kochbuch Teil I

Völlig unmöglich

Zusammengestellt von Bernd-Ingo Friedrich

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Mark Twain über die deutsche Küche

Der Amerikaner Samuel Langhorne Clemens (1835-1910) wurde unter dem Pseudonym Mark Twain vor allem als Autor von Kinderbüchern mit den Helden Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt. Seine Satiren sind sarkastisch und böse; in ihnen beschäftigt er sich zumeist mit dem alltäglichen Rassismus, der Bigotterie und Verlogenheit seiner Landsleute. Seinen ersten Reisebericht Die Arglosen im Ausland, veröffentlicht 1869, schrieb er auf einer mehrmonatigen Schiffsreise nach Europa und dem Nahen Osten, die er 1867 unternahm. In Bummel durch Europa (1880) verarbeitete er die Erlebnisse und Erfahrungen seiner zweiten Europareise von 1878, die ihn durch Deutschland, die Schweiz und Italien führte. In diesem Buch veröffentlichte er im Anhang auch die berühmte Abhandlung über Die schreckliche deutsche Sprache, in der er humorvoll die Eigenheiten und Schwierigkeiten der deutschen Sprache erläutert. Demselben Buch sind die folgenden Anmerkungen zur deutschen Küche entnommen.


kb twain bummeldurch europa

49. Kapitel

„[...] In Venedig wurde uns ein Genuß zuteil, der uns auf dem Kontinent sehr selten beschert wurde – ein Essen im häuslichen Kreis einer Familie. Wenn man auf Reisen immer bei Familien absteigen könnte, besäße Europa einen Reiz, der ihm jetzt abgeht. So aber muß man in Hotels wohnen, und das ist eine traurige Sache. Ein Mann, der amerikanisches Essen und amerikanische Hausmannskost gewöhnt ist, würde in Europa wohl nicht plötzlich verhungern, aber ich glaube, er würde allmählich dahinschwinden und schließlich sterben. Er müßte ohne seine gewohnte Morgenmahlzeit auskommen. Es ist ein allzu schrecklicher Wechsel, er würde unbedingt darunter leiden. Er könnte zwar einen Schatten, ein Trugbild, eine nichtswürdige Nachahmung dieser Mahlzeit erhalten; aber das würde ihm nicht helfen, und das Original wäre für Geld nicht zu haben.

Um auf Einzelheiten einzugehen: Die einfachste und gewöhnlichste Form des Frühstücks für den Durchschnittsamerikaner besteht aus Kaffee und Beefsteak; na, und in Europa ist Kaffee ein unbekanntes Getränk. Man kann etwas bekommen, das der europäische Hotelier für Kaffee hält, aber das ähnelt dem echten so wie die Heuchelei der Frömmigkeit. Es ist ein schwaches, charakterloses, fades Zeug und beinahe so untrinkbar, als stamme es aus einem amerikanischen Hotel. Die Milch, die dazu verwendet wird, ist das, was die Franzosen „christliche“ Milch nennen – Milch, die getauft ist.

Nachdem man den europäischen „Kaffee“ einige Monate kennengelernt hat, wird der Geist schwach und der Glaube mit ihm, und man beginnt sich zu fragen, ob das kräftige Getränk der Heimat mit seiner festen Schicht gelber Sahne oben drauf nicht etwa ein bloßer Traum sei, etwas, das es nie gegeben hat.

Dann das europäische Brot – ganz anständig, ganz gut in gewisser Weise, aber kalt; kalt, zäh und unbarmherzig; und keine Änderung, keine Abwechslung – immer die gleiche langweilige Sache.

Dann die Butter – die falsche und geschmacklose Butter; kein Salz darin und hergestellt aus Gott weiß was.

Dann ist da das Beefsteak. Sie kennen es in Europa, aber sie wissen nicht, wie man es zubereitet. Sie schneiden es auch nicht richtig. Es kommt in einem kleinen, runden Zinnteller auf den Tisch. Es liegt in der Mitte dieses Tellers in einem Bett aus fettgetränkten Kartoffeln; es hat die Größe, Form und Stärke einer Männerhand, deren Daumen und Finger abgeschnitten sind. Es ist ein bißchen übergar, es ist ziemlich trocken, es schmeckt ziemlich fad, es erweckt keine Begeisterung.

Man stelle sich einen armen Verbannten vor, der dieses leblose Ding betrachtet; und man stelle sich vor, daß plötzlich ein Engel aus einem besseren Land herabgerauscht käme und ein mächtiges, auserlesenes, anderthalb Zoll dickes Lendensteak vor ihn hinsetzte, heiß und frisch vom Rost brutzelnd; mit aromatischem Pfeffer überstäubt; mit kleinen schmelzenden Butterstückchen von absoluter Frische und Reinheit garniert; der kostbare Fleischsaft ränne heraus aus der Soße, in der Inselgruppen von Pilzen schwimmen; ein oder zwei Städtchen zarten, gelblichen Fettes schmückten einen Randbezirk dieser weitläufigen Beefsteaklandschaft; der lange weiße Knochen, der das Lendenstück vom Filet trennt, wäre noch an seinem Platz; und man stelle sich vor, daß der Engel auch eine große Tasse mit amerikanischem hausgebranntem Kaffee dazustellte, auf dem oben die Sahne schäumt, etwas echte Butter, fest, gelb und frisch, ein paar dampfend heiße Biskuits, einen Teller heißer Buchweizenfladen mit klarem Sirup – könnten Worte die Dankbarkeit dieses Verbannten beschreiben?

Das europäische Mittagessen ist besser als das europäische Frühstück, aber es hat seine Fehler und Mängel, es sättigt nicht. Der Verbannte kommt hungrig und gierig an den Tisch, er schluckt die Suppe hinunter – irgend etwas Unbestimmtes fehlt an ihr; er denkt, der Fisch werde das sein, was er braucht – er ißt ihn und ist sich dessen nicht sicher; er denkt, der nächste Gang werde vielleicht derjenige, der die hungrige Stelle trifft – versucht ihn und merkt, daß auch daran irgend etwas fehlt. Und so macht er weiter, von Gang zu Gang, wie bei einem Jungen, der hinter einem Schmetterling her ist, welchen er jedesmal, wenn er sich niederläßt, beinahe erwischt, aber schließlich irgendwie überhaupt nicht bekommt; zum Schluß ist es dem Verbannten und dem Jungen ungefähr gleich ergangen: Der eine ist voll, aber nicht satt, der andere hat viel Bewegung, viel Spannung und eine schöne Menge Hoffnungen gehabt, aber er besitzt keinen Schmetterling. Hier und da sagt ein Amerikaner, er könne sich erinnern, von einer europäischen Table d’hôte vollkommen satt aufgestanden zu sein; aber wir dürfen nicht übersehen, daß auch hier und da mal ein Amerikaner vorkommt, der lügt.

Die Anzahl der Gänge reicht aus; aber es ist eben eine so monotone Vielfalt unbeeindruckender Gänge. Es ist eine leblose Eintönigkeit von „gut bis mittelmäßig“. Es gibt keine Akzente. Wenn vielleicht der Hammel- oder Rindsbraten – ein großer, ordentlicher – auf den Tisch käme und in voller Sicht des Gastes aufgeschnitten würde, könnte das der Sache den richtigen Anstrich von Gediegenheit und Greifbarkeit geben; aber das machen sie nicht, sie reichen das in Scheiben geschnittene Fleisch auf einer Platte herum, und so bleibt man vollkommen unbewegt, es regt einen überhaupt nicht auf. Aber ein riesiger gebratener Truthahn, breit auf den Rücken gelegt, die Füße in die Luft, und der kräftige Saft rinnt ihm aus den fetten Seiten ... aber ich kann ebensogut hier abbrechen, denn sie wüßten ja nicht, wie sie ihn zubereiten sollten. Nicht einmal ein Huhn können sie anständig kochen, und was das Tranchieren angeht, so besorgen sie das mit dem Beil.

Das ist ungefähr die übliche Speisekarte im Sommer:

Suppe (nicht näher unterschieden).
Fisch: Seezunge, Lachs oder Weißfisch – meistens einigermaßen gut.
Braten: Hammel oder Rind – geschmacklos – mit Kartoffeln vom vergangenen Jahr.
Eine Pastete oder eine andere Zubereitung – meistens gut, „den Umständen nach“.
Ein Gemüse, als Galastück ganz für sich aufgetragen – meistens fade Linsen oder Fadenbohnen oder mittelmäßiger Spargel.
Brathuhn – so geschmacklos wie Papier.
Grüner Salat – einigermaßen gut.
Verdorbene Erdbeeren oder Kirschen.
Manchmal sind die Aprikosen und Feigen frisch, aber das ist kein großer Vorteil, da diese Früchte ohnehin keine Rolle spielen.
Die Weintrauben sind meistens gut, und manchmal gibt es aus Versehen einen ziemlich guten Pfirsich.

Die angeführte Karte wird nur unbedeutend abgewandelt. Nach vierzehn Tagen entdeckt man, daß die Abwandlungen nur scheinbar, nicht echt sind; in der dritten Woche bekommt man, was man in der ersten hatte, und in der vierten Woche dasselbe wie in der zweiten. Drei oder vier Monate dieser langweiligen Gleichförmigkeit bringen den robustesten Appetit um.

Jetzt, da ich dieses schreibe, ist es schon viele Monate her, seit ich eine nahrhafte Mahlzeit zu mir nahm, aber bald werde ich wieder eine haben – eine bescheidene, private Angelegenheit ganz für mich allein. Ich habe ein paar Gerichte ausgewählt und eine kleine Speisekarte aufgestellt, die einen Dampfer früher als ich nach Hause fahren wird, damit alles heiß ist, wenn ich komme – und zwar:

Radieschen, Bratäpfel mit Sahne
Gebackene Austern, gedämpfte Austern, Frösche
Amerikanischer Kaffee mit echter Sahne
Amerikanische Butter
Brathuhn nach Art der Südstaaten
Lendensteak
Saratoga-Kartoffeln
Rostbrathuhn nach amerikanischer Art
Heiße Biskuits nach Art der Südstaaten
Heißes Weizenbrot nach Art der Südstaaten
Heiße Buchweizenfladen
Amerikanischer Toast, klarer Ahornsirup
Virginiaschinken, gebacken
Blue-Point-Muscheln in der Schale
Cherry-stone-Muscheln
San-Francisco-Muscheln, gedämpft
Austern-Suppe, Muschelsuppe
Philadelphia-Schildkrötensuppe
In der Schale geröstete Austern nach Art der Nordstaaten
Weichschalen-Krabben, Connecticut-Maifisch
Baltimore-Barsch
Bachforelle aus der Sierra Nevada
Seeforelle aus dem Tahoesee
Schafbrachsen und Schleien aus New Orleans
Schwarzbarsch aus dem Mississippi
Amerikanisches Roastbeef
Putenbraten nach Erntedankfestart
Preiselbeersoße, Sellerie
Wildputenbraten, Waldschnepfe
Baltimore-Ente
Präriehühner aus Illinois
Missouri-Rebhühner am Spieß
Opossum, Waschbär
Bostonschinken mit Bohnen
Schinken mit Grünzeug nach Art der Südstaaten
Maisbrei, gedünstete Zwiebeln, weiße Rüben
Kürbis, Kürbisbrei, Spargel
Butterbohnen, Süßkartoffeln
Grüner Salat, Mais- und Bohnen-Eintopf, grüne Bohnen
Kartoffelbrei, Ketchup
Pellkartoffeln
Neue Kartoffeln ohne Schale
Frühkartoffeln in der Schale geröstet, nach Art der Südstaaten, heiß aufgetragen
Tomatenscheiben mit Zucker oder Essig, gedünstete Tomaten
Unreife Maiskerne, mit Butter und Pfeffer angerichtet
Unreifer Mais am Kolben
Heißes Maisbrot mit Kutteln nach Art der Südstaaten
Heißer Maiskuchen nach Art der Südstaaten
Heißes Eierbrot nach Art der Südstaaten
Heißes Weißbrot nach Art der Südstaaten
Buttermilch, eisgekühlte süße Milch
Apfelklöße mit echter Sahne
Apfelpastete, Apfelkrapfen
Windbeutel mit Apfelfüllung nach Art der Südstaaten
Pfirsichcobbler nach Art der Südstaaten
Pfirsichpastete; amerikanische Pastete aus Korinthen, Rosinen, Äpfel, Zucker
Kürbispastete, Buschkürbispastete
Alle Arten amerikanischen Backwerks
Frisches amerikanisches Obst aller Art, einschließlich Erdbeeren, die nicht ausgeteilt werden dürfen, als wären es Juwelen, sondern in großzügigerer Weise.
Eiswässer – nicht in dem unzureichenden Becher hergestellt, sondern in dem ehrlichen und leistungsfähigen Kühlschrank.

Amerikaner, die beabsichtigen, ein Jahr oder so in europäischen Hotels zu verbringen, werden gut daran tun, diese Liste abzuschreiben und mitzunehmen. Sie werden feststellen, daß sie ein ausgezeichnetes Mittel ist, um sich angesichts der niederschmetternd armseligen Speisekarten Appetit zu machen.

Ausländer werden an unserem Essen wahrscheinlich nicht mehr finden als wir an ihrem. Das ist nicht verwunderlich, denn ein Geschmack wird anerzogen, nicht angeboren. ich könnte meine Speisekarte anpreisen, bis ich müde wäre; aber schließlich würde der Schotte den Kopf schütteln und sagen: „Wo ist euer Schafsfleischpudding?“, und der Fidschiinsulaner würde seufzen und sagen: „Wo ist euer Missionar?“

Ich besitze ein hübsches Talent für alles, was die Ernährung anbetrifft. Es hat fachmännische Anerkennung gefunden. Ich habe oft Rezepte für Kochbücher geliefert. Hier sind einige Entwürfe für Pasteten und anderes, die ich kürzlich für das geplante Kochbuch eines Freundes vorbereitet hatte, aber da ich vergaß, Diagramme und perspektivische Zeichnungen einzureichen, mußten sie natürlich fortgelassen werden:

Rezept für einen Aschkuchen
Man nehmen ein Teil Wasser und füge ein Teil groben Maismehls und etwa ein Viertelteil Salz hinzu. Man mische gut durcheinander, knete es in die Form eines Brotlaibes und lasse den Laib eine Weile stehen – nicht auf dem Rand, sondern andersherum. Man scharre zwischen der Glut einen Platz frei, lege ihn hinein und bedecke ihn zollhoch mit heißer Asche. Wenn er gar ist, nehme man ihn heraus, blase alle Asche bis auf die letzte Schicht fort, bestreiche diese mit Butter und esse sie.
Merke: Dieser Talisman sollte in keinem Hause fehlen. Man hat beobachtet, daß Landstreicher nie mehr um einen weiteren Aschkuchen einkommen.

Rezept für eine Neuengland-Pastete
Um dieses ausgezeichnete Frühstücksgericht herzustellen, gehe man wie folgt vor: Man nehme eine genügende Menge Wasser und eine genügende Menge Mehl und stelle einen kugelsicheren Teig her. Diesen forme man zu einer Scheibe, deren Ränder etwa dreiviertel Zoll hochgeschlagen werden. Man lasse ihn ein paar Tage lang bei milder, aber gleichbleibender Ofentemperatur zäh werden und trocknen. Man stelle für diese Redoute in gleicher Weise und aus gleichem Material einen Deckel her. Man fülle sie mit geschmorten Dörräpfeln; verschlimmere sie durch Gewürznelken, Zitronenschale und Zitronatscheiben; füge zwei Portionen New-Orleans-Zucker bei, löte dann den Deckel auf und stelle sie an einen sicheren Ort, bis sie versteinert. Man trage sie zum Frühstück kalt auf und lade einen Feind dazu ein.


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Rezept für deutschen Kaffee
Man nehme ein Faß voll Wasser und bringe es zum Kochen; reibe ein Stück Zichorie an einer Kaffeebohne und befördere dann ersteres in das Wasser. Man setze das Kochen und Verdampfen fort, bis die Stärke des Geschmacks und Aromas von Kaffee und Zichorie auf das richtige Maß verringert worden sind; dann stelle man es zum Abkühlen ab. Nun schirre man die Überreste einer ehemaligen Kuh vom Pflug, stecke sie in eine hydraulische Presse, und wenn man einen Teelöffel jenes blaßblauen Saftes gewonnen hat, den ein deutscher Aberglauben als Milch betrachtet, mildere man die schädliche Wirkung, die ihm dessen Konzentration verleiht, durch einen Eimer kalten Wassers und läute zum Frühstück. Man mische das Getränk in einer kalten Tasse, nehme es mit Mäßigung zu sich und lege einen feuchten Lappen um den Kopf, um sich vor Übererregtheit zu schützen.

Geflügel auf deutsche Art zu tranchieren:
Man benutze eine Keule und meide die Gelenke.

(Gefunden in: Mark Twain: Bummel durch Europa. Ausgewählte Werke in 12 Bänden, Band V. Hrsg. Karl-Heinz Schönfelder. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1981.)


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Schlimmer geht’s immer - Die australische Küche

Koch einen Gala zusammen mit einem großen Stein.
Das Wasser sollte den Gala wenigstens handbreit bedecken.
Wenn der Stein innen rosa ist, wirf den Vogel weg,
und iß den Stein.
(Kalenderblatt, anonym.)


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Kulinasisches von Edward Lear

„Mit allem, was ein Mensch braucht, um wahnsinnig zu werden, war Edward Lear (1812-1888) zeit seines Lebens wohlversehen.“ So beginnt das Nachwort der Anthologie, der wir seine Nonsens-Rezepte entliehen haben. Zusammen mit Lewis Carroll (Alice in Wonderland) gilt er als einer der großen Meister der viktorianischen Nonsens-Literatur. Unsterblichen Ruhm hat er sich mit seinen Limericks erworben. Sie zeichnen sich durch spielerischen Umgang mit dem Wortklang sowie durch völliges Fehlen von Sinn oder Pointe aus.


kb edward lear nonsens

98
Dieser Herr hat in trüben Spelunken
sich mit Abführmitteln betrunken.
         Nun kuriert er sein Weh
         mit Kamillentee.
Ganz recht geschieht dem Halunken!

99
Dieser ältere Herr aus Bordeaux
aß Hasen am liebsten roh.
         Erst fühlt’ er sich wohlig,
         dann starb er an Kolik,
der alte Barbar aus Bordeaux.

118
Es warf dieser Mann aus Neiße
sich in ungebührlicher Weise
         in den offenen Rachen
         gebratene Sachen.
Man schämte sich seiner in Neiße.

136
Dieser ältere Herr aus Kalkutta
verschlang so viel Schwarzbrot mit Butter,
         daß er Zustände kriegte
         und elend erstickte,
der Nimmersatt aus Kalkutta.

213
Dieser ältere Herr aus Gumbinnen
aß sonntags geröstete Spinnen.
         zum Fünf-Uhr-Tee
         im Hafen-Café,
der romantische Herr aus Gumbinnen.

228
Dieser ältere Travemünder
aß immer nur Feueranzünder.
         Was einen erschreckte,
         war, daß es ihm schmeckte
dem sonnigen Travemünder.

Amblonellen-Kuchen
Man nehme 4 Pfund (oder sagen wir: 4 ½ Pfund) frische Amblonellen und lege sie in ein kleines irdenes Töpfchen.
Mit Wasser auffüllen und acht Stunden lang ununterbrochen bei kleinem Feuer abkochen. Einen knappen Liter frische Milch zugeben und vier weitere Stunden ziehen lassen.
Wenn die Amblonellen ganz weich geworden sind, nehme man sie aus der Brühe und lege sie nach kräftigem Schütteln in eine offene Pfanne.
Mit geriebener Muskatnuß abschmecken, gemahlene Pfefferkuchen, reichlich Curry und Cayenne-Pfeffer darübergeben, die Pfanne ins Nebenzimmer tragen und dort auf den Fußboden stellen. Alsbald bringe man das Ganze in die Küche zurück und lasse es eine dreiviertel Stunde lang schmoren. Vom Feuer nehmen und aus Leibeskräften schütteln, bis die Amblonellen ganz blaßviolett geworden sind.
Sorgfältig auf einen glattgestrichenen Hefeteig verteilen, eine kleine Taube, zwei Scheiben Rindfleisch, vier Köpfe Blumenkohl und eine beliebige Menge Austern zugeben und rasch mit Hefeteig zudecken.
Während der Kuchen aufgeht, ab und zu eine Prise Salz darüberstreuen. In einer sauberen Schüssel anrichten und so schnell wie möglich aus dem Fenster werfen.

Krimbibbel-Koteletts
Man nehme einige Scheiben feines Rindfleisch, schneide es in winzige Streifen, schneide die winzigen Streifen in noch winzigere Streifen und wiederhole das ganze ungefähr acht- oder neunmal.
Wenn das Fleisch ganz fein gehäckselt ist, rasch mit einer neuen Kleiderbürste abstreifen und mit einem neuen Salzlöffel oder einer Suppenkelle rasch und bis zur Bewußtlosigkeit glattrühren.
Den Teig in einen emaillierten Topf geben, in die Sonne stellen – am besten auf das Dach, falls dort keine Spatzen oder andere Vögel anzutreffen sind – und eine gute Woche lang gehen lassen.
Wenn der Teig geruht hat, eine Prise Lavendel, etwas Mandelöl und einige Heringsgräten zugeben, mit knapp zwanzig Litern fein abgeklärter Brühe krimbibbeliger Sauce übergießen und auf den Tisch bringen.
Man serviere das Ganze in gewöhnliche Koteletts geschnitten und in ein sauberes Tuch gewickelt.

Gargel-Pastetchen
Man nehme ein Schwein im Alter von drei bis vier Jahren und binde es mit einem Hinterbein an einen Stehgreif-Pfosten; dann lege man ihm 5 Pfund Korinthen, 3 Pfund Zucker, einen halben Scheffel Erbsen, 18 gebratene Roßkastanien, eine Kerze und sechs Zentner Kuhrüben vor; wenn das Schwein dieselben frißt, lege man fortwährend neue Nahrung nach.
Ein wenig Rahm, einige Scheiben Edamer Käse, vier Ries Foliopapier und ein Päckchen Stecknadeln werden zu einem gleichmäßigen Teig verrührt, ausgerollt, und zum Trocknen auf ein sauberes Tuch aus braunem, wasserdichtem Leinen gelegt.
Wenn der Teig völlig trocken ist, aber auf keinen Fall vorher, schlägt man das Schwein mit einem dicken Besenstiel kräftig durch. Wenn es quiekt, gibt man noch ein paar Schläge dazu. Den Teig und das Schwein einige Tage lang abwechselnd heimsuchen und nach Ablauf dieser Frist nachsehen, ob aus diesen Zutaten Gargel-Pastetchen geworden sind.
Sollte sich herausstellen, daß dies nicht der Fall ist, so lasse man das Schwein laufen und alle Hoffnung fahren.

(Gefunden in: Edward Lears Kompletter Nonsens. Ins Deutsche geschmuggelt von Hans Magnus Enzensberger. Leipzig: Insel-Verlag 1980.)


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kb karl valentin piper


Karl Valentin (!) komponiert einen Salat

Der bayerische Komiker, Kabarettist, Autor und Filmproduzent Karl Valentin (1882-1948) nannte sich selbst Humorist, Komiker und Stückeschreiber; der Kritiker Alfred Kerr nannte ihn einen „Wortzerklauber“; seine Bewunderer sahen in ihm „den ersten deutschsprachigen Pop-Künstler des 20. Jahrhunderts“. Er stand dem Dadaismus nahe. Die humoristische Wirkung seiner Sketche und Stücke beruhte vor allem auf seiner Sprachkunst, seinem „Sprach-Anarchismus“. Pessimismus und Tragik seiner Komik entsprangen dem ständigen Kampf mit den alltäglichen Dingen sowie der Auseinandersetzung mit Behörden und Mitmenschen.

Rezept zum russischen Salat (1902)
Melodie: Jahrmarktsrummel von Paul Lincke.
© Mit freundlicher Genehmigung der Karl-Valentin-Erbin und Rechtsinhaberin Anneliese Kühn.

I.
Drei Pfund Rindfleisch hackt man klein,
Tut das in ein' Hafen h'nein,
Etwas Pfeffer, etwas Salz,
Dazu einen Löffel Schmalz.
Drei Zitronen, ohne Kern' –
Den Geschmack, den hat man gern –
Kalte Soß vom Rehragout
Schüttet man dem Ganzen zu.
– Auch Leberkäs' und Honig,
Sardinen und Spinat,
Gefärbte Eierschalen
Mit Mandelschokolad'.
Auch Paprika und Erdbeer',
Zwei Liter Lebertran,
Drei Pfund gesott'ne Erbsen,
Vermischt mit Marzipan.
– Schweizerpill'n und Sauerkraut,
Zungenwurst mitsamt der Haut,
Naphtalin und Wagenschmier',
Feingeschnitt'nes Glaspapier,
Ananas und Karfiol,
Bismarckhering und Odol,
Essiggurken, Fliegenleim,
Das kommt alles mit hinein.
Und dazu noch Blutorangen und Zibeb'n
Müssen obendrein noch das Aroma heb'n.
Makkaroni, g'schnitt'ne Nudeln, kalten Brat'n,
Lüneburger, Kokosnüss' und Schwartenmag'n.

II.
Ist nun alles das dabei,
Fehlt es noch an mancherlei.
Lorbeerblätter und Zwieback,
Die erhöhen den Geschmack;
Kletzenbrot und Glyzerin,
Zwetschgenmus und Terpentin,
Kandiszucker und Forell'n
Dürfen auch dabei nicht fehl'n.
– Auch Malzkaffee und Rollmops,
Zigorri und Zement',
A Messerspitz' voll Streusand
Gewiß nicht schaden könnt'.
Bananen, Aprikosen
Nebst Himbeerlimonad',
Dazu 'nen kleinen Löffel
Voll Messerputzpomad.
– Schnupftabak und Stachelbeer',
Gelbe Rüben, Kirschlikör,
Eierkognak, Nelken, Zimt
Man auch zu der Sache nimmt.
Kaviar und Cervelat,
Birn- und Pflaumenmarmelad',
Noch dazu zwei Flaschen Sekt,
Das erfordert das Rezept.
Heu und Stroh, auch Hafnerlehm und Bügelkohl'n,
Und ein paar ganz feingeschnitt'ne Hausschuhsohl'n,
Harte Semmelbrocken, eingeweicht in Teer,
Das ist noch nicht alles, ’s kommt schon noch viel mehr.

III.
Hetschebetsch und Parmesan,
Bauerng'selcht's und sauren Rahm,
Gsundheitskuchen, Petersiel,
'ner zerhackter Besenstiel,
Zwiebelzelt'ln, Kreosot,
Zigarrenstumpen und Kompott,
Ziegelsteine pul'vrisiert,
Werden mit hineingerührt;
Rebhühner und Fasanen,
Auch Fensterkitt und Gips,
Zwei ganze Faschingskrapfen,
Garniert mit Stiefelwichs,
Leoniewurst und Bleiweiß,
Parkettbod'nwachs und Reis,
Ölfarb' und Anguilotti,
Zwei junge weiße Mäus',
Sauerkraut und Sellerie,
Rettich und Fromage de Brie,
Knoblauch, Spargel und Stearin,
Weichselsaft und Zacherlin,
Kaisertinte, Schusterpapp,
Apfelmus und Salmiak,
Auch Briketts und Anthrazit
Platzpatronen und Dynamit.
Ist dann alles drinn, was ich soeb'n diktiert,
Wird das Ganze mit dem Löffel umgerührt,
Glauben Sie sicher, es schmeckt wirklich delikat.
Sehn Sie, so entsteht der russische Salat.

(Gefunden in: Das Beste von Karl Valentin. Herausgegeben von Elisabeth Veit. München: Piper Verlag 2006. Copyright © by Piper Verlag.)
Empfehlung: Die einzige autorisierte Website von Karl Valentin www.karl-valentin.de.


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„Politische Rezepte“ von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky (1890-1935) zählte zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift Die Weltbühne erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor und Lyriker. Er verstand sich selbst als linker Demokrat, Pazifist und Antimilitarist und warnte vor antidemokratischen Tendenzen – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel.

Aus einem völkischen Kochbuch.
Man schneide einen alten Juden in nicht zu dünne Scheiben, wälze ihn in einer Mehlschwitze und überstreue ihn vorsichtig mit etwas gestoßenem Berliner Tageblatt. Die Mischung lasse man in einem Stahlhelm dreimal aufkochen und serviere heiß. Ein Hakenkreuz aus Mazze wird den Appetit jedes deutschen Gastes anregen.

Aus einem demokratischen Kochbuch. (Vorrede).
Wir enthalten uns hier ausdrücklich jeder Politik, da wir der demokratischen Auffassung sind, daß die Hauptgebiete des Lebens, wie zum Beispiel die Nahrungszufuhr, unpolitisch sind und es auch bleiben müssen. Daher folgen hier die Rezepte in der ungekürzten Fassung der Vorkriegszeit, ohne Rücksicht auf die Zeitereignisse.
(Eine Seite darauf)
Unserer ersten deutschen Hausfrau:
der jeweiligen deutschen Kaiserin
ehrfurchtsvoll dargewidmet
von einer deutschen Familienmutter.

Aus einem sozialdemokratischen Kochbuch.
Man nehme nach Anhörung des Parteivorstandes drei frische Eier und zerschlage sie bei einem vorliegenden Beschluß der Reichstagsfraktion. Während man umrührt, berufe man einen Parteitag ein und lasse über die Menge des zu verwendenden Mehles abstimmen. Will man ein brauchbares Rezept haben, verwende man die Angaben der Opposition. Ist Einstimmigkeit zwischen Fraktion und Vorstand erzielt, setze man die Speise aufs Feuer, ziehe sie aber bei Bedenken der Gewerkschaften sofort zurück. Auf diese Weise hat man zwar keinen Eierkuchen, wohl aber ein höchst anregendes Gesellschaftsspiel.

Aus meinem Privatkochbuch.
Man fülle guten, alten Whisky in eine nicht zu flache Suppenterrine, rühre gut um und genieße das erfrischende Getränk, soweit angängig, nüchtern. Ein Zusatz von Mineralwassern empfiehlt sich nicht, da selbe oft künstliche Kohlensäure enthalten, daher gesundheitsschädlich sind.
Anmerkung: Der Whisky muß von Zeit zu Zeit erneuert werden.

Kaspar Hauser

(Gefunden in: Die Weltbühne, 20.07.1926, Nr. 29.)


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kb feldschlaechterei im feindesland


Ringelnatz beobachtet eine kulinarisch-ethnische Minderheit bei einem Festessen:

Joachim Ringelnatz (1883-1934), Seemann, Hilfsarbeiter, Schriftsteller, Kabarettist und Maler, ist ein typischer Vertreter der sogenannten „Unsinnspoesie“. Von ihm kennt man vor allem „Kuddeldaddeldu“, den „Bumerang“ und das schönste Liebesgedicht aller Zeiten:
„Ich habe dich so lieb.
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel von meinem Ofen schenken.“

Silvester bei den Kannibalen

Am Silvesterabend setzen
Sich die nackten Menschenfresser
Um ein Feuer, und sie wetzen
Zähneklappernd lange Messer.

Trinken dabei – das schmeckt sehr gut –
Bambus-Soda mit Menschenblut.

Dann werden aus einem tiefen Schacht
Die eingefangenen Kinder gebracht
Und kaltgemacht.
Das Rückgrat geknickt,
Die Knochen zerknackt,
Die Schenkel gespickt,
Die Lebern zerhackt,
Die Bäuchlein gewalzt,
Die Bäckchen paniert,
Die Zehlein gesalzt
Und die Äuglein garniert.

Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.
Und allen läuft das Wasser im Munde
Zusammen, ausnander und wieder zusammen.
Bis über den feierlichen Flammen
Die kleinen Kinder mit Zutaten
Kochen, rösten, schmoren und braten.

Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau
Zubereitet als Karpfen blau.
Riecht beinah wie Borchhardt-Küche, Berlin,
Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.

Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist
Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.
Die Kinder und der Karpfen sind gar.
Es wird gespeist.

Und wenn die Kannibalen dann satt sind,
Besoffen und überfressen, ganz matt sind,
Dann denken sie der geschlachteten Kleinen
Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.

(Gefunden in: Joachim Ringelnatz: Kinder-Verwirr-Buch. Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1931.)

Weiter zu Kapitel II

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